Persönlicher Erfolg in Potsdam (DSAM) – Ein amüsanter Turnierbericht von Jasper

 

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„Wenn Sie die Stadt sehen, wird sie Ihnen gefallen“, sagte Friedrich der II. über Potsdam und tatsächlich ist die Stadt ein schönes stolzes Fleckchen südwestlich von Berlin. Zum zweiten Mal in Folge reiste ich schon jeden morgen in aller Herrgottsfrühe von Berlin Prenzl. Berg zum Templiner See nach Potsdam (mit ÖPNV natürlich – ca. 1,5 Stunden) für das neuformierte Turnier der deutschen Amateurmeisterschaft unter Organisation des deutschen Schachbundes. Im letzten Jahr hatte ich ein eher maues Ergebnis eingefahren und dieses Mal setzte ich mir eindeutig höhere Ansprüche. Und tatsächlich sollte das Turnier meine Erwartungen übertreffen. Mein Ziel war es, mind. 3.5/5 Punkte zu erzielen, was mir im Teilnehmerfeld der C-Gruppe gew. zwischen 1750-1900 als realistisch erschien. Nachdem das Anfangschaos überstanden war, was bei über 500 Teilnehmern verständlich ist, fand ich dann auch meinen Spielsaal. Als ich das erste Mal auf den Paarungszettel schielte, war ich recht zufrieden mit meiner Auslosung. Schwarz gegen B. Willin, der zwar mit 1887 eine deutlich höhere Elo, aber mit nur knapp 1770 DWZ eine auch deutlich niedrigere DWZ als ich hatte. Mit zwei schönen Taktiken gewann ich die Partie dann auch recht souverän gegen einen etwas komischen b3 Aufbau…

11…Sxe4! mit Bauerngewinn und                   28…Lxb3 (nebst c4) mit Gewinn

Mit einem Schwarzsieg gelang mir also ein guter Auftakt. Zudem hatte ich auch noch etwas Pause zum Verschnaufen. Die Organisation des Turniers war auch generell wirklich super, die Partieergebnisse wurden sehr schnell online gestellt, in jeder Gruppe waren mindestens zwei Schiedsrichter anwesend und auch die Uhren und Figuren waren sehr schön. Die Paarung der zweiten Runde erfuhr ich dennoch erst 10 Minuten vor Beginn, da es in meiner Gruppe ein Turmendspiel mit f-und h-Bauer gab, welches einfach nicht enden wollte. Deshalb musste ich recht unvorbereitet meine ersten Züge machen. Als jedoch schon im 3. Zug die erste Eröffnungsungenauigkeit meines Gegners kam (e4 c5 Sf3 e6 b3! (a la Kampen Repertoire) d5?!) fand ich mich auch nach dubiosem 6…Df6? recht schnell in Gewinnstellung wieder. 13.Lb2 forcierte ein dominantes Endspiel mit Mehrbauern, denn Kxc6 scheitert an Da4+.

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Schon im 20. Zug streckte mein Gegner mir die Hand entgegen (hatte er mir noch im 8.Zug Remis geboten…) und mein 2.Sieg stand auf dem Papier. Somit konnte ich mir mit perfektem Start (2/2) am 1.Tag erste Hoffnungen auf Preise machen, doch der 2.Tag sollte meine Erwartungen etwas dämpfen…

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Hauptturniersaal (Quelle: DSAM Potsdam Fotos) mit hoher Jugendbeteiligung
Am Abend zuvor fand ich mich online nun schon an Brett 3 wieder, mit schwarz gegen F. Hertel-Mach. In der Datenbank fand ich nur veraltete Partien. Außerdem schien der Gegner alles zu spielen… So stand ich am nächsten Tag mal wieder um 7 Uhr auf, um bloß die Bahn nicht zu verpassen… Nichts gegessen, aber mit ordentlichem Kaffeeintus saß ich dort und F.Hertel-Mach eröffnete mit 1.c4. Ich verzog etwas die Miene, spielte e5 und wollte in eine der Hauptvarianten nach 2.g3 gelangen. Doch irgendwie habe ich es geahnt, denn Lokalmatador Hertel-Mach, der übrigens später auf dem dritten Platz landete und in der letzten Runde noch um den Turniersieg mitspielte (damal. DWZ 1877 Elo 1898) schockte mich mit 7.f4. Tatsächlich vollbrachte er es, mich relativ früh aus der Theorie zu bringen, was in mir Unbehagen auslöste. Trotzdem blieb die Stellung lange recht ausgeglichen, bis sie mit einem Turmzug von ihm auf einmal Fahrt aufnahm und ein absolutes Chaos verursachte…

31…Se7 und                                                              39…Txf4

Nach 32.Txh7+ Dxh7 De8+ Sg8 Dxd7 De4+ Kg2 Tf5+ Kg1 und Se7 musste auf einmal Weiß auf seinen König aufpassen und konnte nur noch in das ausgeglichene Damenendspiel nach 40…Dxe1+ ins Remis abwickeln…Eigentlich war ich recht zufrieden mit dem Remis, da ich in der 4.Partie wieder Weiß bekomme. Mit einem Sieg in der 4.Runde könnte ich weiter ganz oben bleiben und sogar noch Hoffnungen auf den Turniersieg hegen! Doch der Dämpfer des Tages folgte gegen S.Hering. Zwar gelang es mir (mal wieder) aus der Eröffnung heraus eine total dominante Stellung zu erreichen , siehe Brett 1 (ca. +3), doch nach dem kläglichen Fehler Lxf8? , siehe Brett 2 (zuvor gab es schon mehrere Gewinnabwicklungen) konnte ich noch froh sein, dass mir der Gegner nach Lc5 Lxc4 direkt Remis bot.

Ein ernüchterndes Ergebnis, angesichts des großen Vorteils der vorangegangenen Züge. Zudem wurde es nun schwer überhaupt auf die Preisplätze (und Quali für Magdeburg) 1-7 zu kommen, da man höchstwahrscheinlich 4/5 Punkte dafür brauchte. Außerdem bekam ich ja nochmal schwarz. Doch tatsächlich gelang es mir am letzten Tag noch den vollen Punkt mit schwarz gegen E.Grund (DWZ ca. 1870 Elo 1940) zu pressen. In einer harmlosen Variante des Londoner Systems spielte Weiß etwas ungenau und gab mir eine leicht bessere Stellung nach 17…d4!

und nach 23…Sd5 konnte ich in ein gleichfarbiges Läuferendspiel mit Mehrbauern abwickeln, welches ich später verwertete! Als mein Gegner mir die Hand gab, wusste ich trotzdem erstmal nicht was das jetzt bedeutete. Habe ich es sicher auf einen Preisplatz geschafft…? Vielleicht sogar unter die ersten drei? Während der Siegerehrung wurde es dann endlich klar, als der Verein „Klub Kölner Schachfreunde“ genannt wurde in der C-Gruppe auf dem 5.Platz…erst dann wusste ich, dass ich endlich mal wieder auch nach vorne gehen durfte während einer Siegerehrung. (Augen zu…)

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Somit meißelte sich Potsdam doch noch vorerst zu einem guten Pflaster und ich kann beruhigt sagen, dass sich die letzten vielen Stunden Arbeit in meinem beschaulichen Zimmer vor dem Brett (natürlich das meiste an Eröffnungen) auch mal wieder ausgezahlt haben, zumal ich nun auch endlich wieder den Sprung über die 1900er Grenze geschafft habe. Als nächstes liegt mein Fokus aber natürlich auf dem entscheidenen Mannschaftskampf unserer 2.Mannschaft gegen Euskirchen um den Aufstieg!

„Die gegen mich gewinnen, haben mein Spiel nicht verstanden“ (von Helmut Wieteck, Schachlegende).

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